Noureddine Boulouh und seine „Minden Zeitung“ haben eine feste Leserschaft

Minden Zeitung

Minden (mt). Eine deutsch-arabische Zeitung? In Minden? Als Noureddine Boulouh das Projekt 2016 startete, war nicht jedem klar, was das sollte. Im Internet schrieben rechte Netzwerke von „Unterwerfung statt Integration“. Doch das ist gerade nicht, was der Arabischlehrer, Dolmetscher und Übersetzer, der gerade seine Doktorarbeit in Islamwissenschaft schreibt, will. Der Mann aus Marokko, der seit 18 Jahren in Deutschland lebt und 2014 für einen Lehrauftrag an vier Schulen nach Minden kam, möchte Flüchtlingen mit der „Minden Zeitung“ das Leben in der Region näher bringen. Deutsche Texte und ihre Übersetzung ins Arabische stehen direkt nebeneinander. Immer geht es um Neuigkeiten, die für Migranten wie für Mindener relevant sind. Die Zeitung liegt an Orten wie der Volkshochschule, in Moscheen, Kirchen und bei Flüchtlingshilfen aus. Der Verlag J.C.C. Bruns, der das Mindener Tageblatt herausgibt, unterstützt und druckt die Zeitung.

Wie sind Sie darauf gekommen, eine deutsch-arabische Zeitung an den Start zu bringen?

Weil es mir Spaß macht. Zusammen mit meinem Bruder habe ich 2012 die erste arabische Zeitung dieser Art in Deutschland ins Leben gerufen. Hier in Minden mache ich alles alleine. Das ist viel Arbeit. Mir ist eine gründliche und korrekte Übersetzung ins Arabische wichtig und dafür brauche ich lange. Redewendungen wie „ins Gras beißen“ oder „den Löffel abgeben“ zu übersetzen, ist gar nicht so einfach.

Was ist Ihr Ziel?

Ich möchte Migranten das Leben in Minden und Deutschland zeigen. Die Inhalte sollen motivierend sein, nicht destruktiv. Die Zeitung soll eine Plattform schaffen für die Kraft des Positiven. Flüchtlinge sollen etwas von dem mitbekommen, was in Minden passiert. Sie sollen wissen, was hier los ist und auch, was über sie gesagt wird. Die arabischen Leute in der Region kennen die Zeitung alle. Sie fragen mich immer, wann die nächste Ausgabe erscheint. Würde ich irgendwann merken, dass das nicht mehr so ist, würde ich aufhören. Mein größter Erfolg ist, wenn ich Leute in der Stadt sehe, die die Zeitung lesen.

Wie erleben Sie die Stimmung in Deutschland gegenüber Flüchtlingen?

Anfangs war da sehr viel Einsatz. Das war sehr schön. Vor allem nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln hat sich die Stimmung verändert. Es sind inzwischen weniger, die mit Flüchtlingen arbeiten und selbst einige der engagiertesten Flüchtlingshelfer haben inzwischen Zweifel, weil sie von kriminellen Flüchtlingen hören. Es gibt viele Ängste, aber zum Glück gibt es auch noch das Gute.

Warum lassen Sie deutsche und arabische Texte nebeneinander abdrucken?

Damit jeder die Texte lesen und verstehen kann. So kann auch jeder sehen, dass die Zeitung nicht religiös oder parteipolitisch ist. Ich überlege viel, was die Leute interessieren könnte. Vor allem möchte ich Aktivitäten, die es hier gibt, ins Licht rücken. Denn viele Flüchtlinge hassen die Sonntage, wenn nichts los ist, alle Geschäfte geschlossen sind, die Arbeit ruht und keine Schule ist. Da möchte ich zeigen, welche Möglichkeiten es hier gibt.

Es gibt den Vorwurf, eine Zeitung in arabischer Sprache sei das Gegenteil von Integration. Was sagen Sie zu solchen Vorhaltungen?

Die Zeitung fördert das Erlernen der deutschen Sprache. Es ist sehr wichtig, dass Flüchtlinge sich die deutsche Sprache erarbeiten. Die Leute können erst den deutschen Text lesen und dann den arabischen, um zu testen, was sie verstanden haben und was nicht. Das fördert das Lernen. Niemand, der Deutschanfänger ist, ist in der Lage, etwas sprachlich so Komplexes wie das MT zu lesen. Das wäre schön, aber es ist leider unmöglich. Die Realität ist, dass Flüchtlinge zu Hause sitzen und keine Chance haben, etwas auf Deutsch zu lesen. Bei der „Minden Zeitung“ ist das anders. Mein Ziel ist Integration durch Bildung. Allerdings: Wenn es um Integration geht, dann muss man sehr genau definieren, was damit gemeint ist.

Wie meinen Sie das?

Integration ist kein ganz unproblematischer Begriff – je nachdem, was damit gemeint ist. Bin ich nur integriert, wenn ich an meinem Geburtstag Sekt trinke, weil Deutsche das auch tun? Nein. Als Moslem trinke ich keinen Alkohol. Um solche Äußerlichkeiten geht es nicht. Es geht darum, mit ganzem Herzen hier zu sein, freundlich mit den Menschen zu sein, Kontakte zu haben, zu akzeptieren, dass man jetzt hier ist. So definiere ich Integration.

Welche Themen behandeln Sie in der neuen Ausgabe?

Beispielsweise Vandalismus gegen Kirchen, einen Vergleich zwischen der Erziehung von Kindern in Deutschland und in arabischen Ländern und die Verleihung des Bürgerpreises.

 

Noureddine Boulouh. © Foto: Benjamin Piel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.